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Der Tag mit den schwarzen Engeln

An dem Tag, als der Gau in Japan passiert, erwache ich kurz vor vier Uhr früh. Ich stehe auf und trete ans Fenster. Die Gasse ist voller Leute, die herumstehen und warten. Am Vorabend bin ich bis spät in die Nacht vor dem Fernseher gesessen. Erstmals waren Kamerateams in die vom Erdbeben und dem nachfolgenden Tsunami verwüsteten Gebiete vorgedrungen. Man sah Überlebende, die ratlos vor den Trümmern standen, und andere, die herumirrten und nach Angehörigen suchten. 

Ich erschrecke. Das Licht geht aus, ein Brausen erfüllt die Gasse, auf einen Schlag setzen Trommeln und Pfeifen ein. Der Morgenstreich hat begonnen. Ich schliesse das Fenster und lege mich wieder ins Bett. Ich schlafe bis um neun.

Am Tag, als der Gau in Japan passiert, spricht niemand von einem Gau. Die Betreiberfirma TEPCO meldet, sie habe die Lage unter Kontrolle. Die japanische Regierung bezeichnet die Ausweitung der Evakuierungszone auf 20 Kilometer rund um das AKW als vorsorgliche Massnahme. Noch ahnen die Leute im Erdbebengebiet nicht, dass eine dritte Katastrophe sie bedroht. Sie haben keinen Strom und keinen Fernseher, der sie auf dem laufenden halten könnte.

Am Tag, als der Gau in Japan passiert, sehe ich das Paradies sich langsam von mir entfernen. Das Paradies ist ein üppiger Urwald wie von Henri Rousseau gemalt, voller sattgrüner Blätter, in denen sich prächtige Vögel tummeln. Es winkt von einer Laterne herab. Vorhin, als die Clique sich genähert hat, ist die Vorderseite zu sehen gewesen, braune, hängende Pflanzen vor einer wüstenähnliche Landschaft – eine Anspielung auf die Ölpest im Golf von Mexico. Die Katastrophe kam im Marschtakt auf mich zu und zog an mir vorüber. Von hinten erblicke ich nun das Paradies. Es wird kleiner, verliert sich schwankend im Getümmel.

Um 11.00 Uhr ist im Reaktor 3 eine Wasserstoffexplosion erfolgt, die das Aussengebäude stark beschädigt hat. In Bern sei man ratlos, heisst es in den Nachrichten. Die Ereignisse haben den Politikern nicht Zeit gelassen sich schöne Worte zurechtzulegen. Sie sind, für dieses eine Mal, ratlos. Das ist seit langem die vielversprechendste Nachricht aus dem Bundeshaus.

Ein alter Mann in zerbeulter Hose steht vor einem Abfallberg. Er ist kein Fasnächtler, er sucht in dem, was die Fasnacht hinterlässt, nach Brauchbarem. Sorgsam zieht er aus den Schachteln, Flaschen, Pappbechern und Plastiksäcken eine kleine Holzharasse hervor, dreht sie in den Händen, legt sie zur Seite, nimmt eine zweite, prüft sie, klopft an ihren Boden. Er stellt die für gut befundenen Harassen ineinander, nimmt sie auf und trägt sie durch den Lärm der Cliquen und Guggen nach Hause.

Im Radio kommt ein US-Bürger zu Wort, der Harrisburg 1979 erlebt hat. „Jedes atomare Unglück hat einen klaren Anfang“, sagt er, „aber kein Ende. Es ist niemals zu Ende.“

Als ich nach Hause komme, ist die Gasse mit Schaulustigen verstopft. Vor der Haustür steht ein Schwarm schwarzer Engel, bewehrt mit mächtigen Fittichen. Die Engel haben spitze Gesichter, da und dort ringelt sich eine blonde Locke unter dem schwarzen Haar hervor. Einer von ihnen steht auf der Schwelle meines Eingangs, er zählt auf drei, dann fallen die andern mit ihren Blasinstrumenten ein. „When the Saints go marching in“, schmettern sie in die Zuhörer, und ich denke: Hoffentlich nicht! Engel in meiner Wohnung, ob weiss oder schwarz, ertrage ich heute nicht. Ich bahne mir einen Weg durch das Flügelgestöber, betrete die Wohnung, schalte den Fernseher ein.

18.00 Uhr. In Reaktor 2 ist die Kühlung ausgefallen. Vor dem Fenster das Toben der schwarzen Engel, die von Beifallsstürmen zu einem weiteren Stück aufgefordert werden; dann zu noch einem und noch einem.

Vor 25 Jahren war Schweizerhalle. Die Giftkatastrophe im nahe gelegenen Chemielager der Firma Sandoz fiel just in die Vorbereitungszeit der Fasnacht, und der Ruf wurde laut, man müsse ein Zeichen setzen und auf die Fasnacht verzichten. Die Diskussion wurde auch in der Clique eines Freundes geführt und drohte die Gruppe zu entzweien. Die einen wollten ein Jahr aussetzen, die andern sagten: jetzt erst recht! Nach wochenlangem Streit entschied die Gruppe, zwar mitzumachen, aber sozusagen nur halb. „Mir sin nur halb derby“ hiess ihr Sujet. Die Larve bedeckte nur die eine Gesichtshälfte, das Kostüm liess zur Hälfte die Zivilkleidung sehen. Diese inszenierte Halbierung rettete die Gruppe vor dem Auseinanderfallen.

Um 22.00 Uhr räumt die japanische Regierung ein, dass in drei Reaktoren die Kernschmelze drohe.

Am Tag, als der Gau in Japan passierte, sitzen gegen Mitternacht zwei junge Menschen unten am Rhein und küssen sich. Eng verschlungen sitzen sie, ein Paar am dunklen Wasser wie in Bronze gegossen. Als wolle es daran erinnern, dass die Liebe überall ihren Ort hat, an dem sie die Welt vergessen macht, und dass immer der richtige Moment ist sich zu küssen.