Das Schreiben gelernt, wie Kinder das Gehen lernenTop

Erika Dreier hat mit ihrem Debütroman „Die Geister sind hellhörig“ an den Solothurner Literaturtagen auf sich aufmerksam gemacht. Sie schrieb das Buch als Abschlussarbeit für den Lehrgang „Literarisches Schreiben“ an der SAL.

Ein junger Student an der SAL inspirierte Erika zum Schreiben dieses Romans als Diplomarbeit. „Genau so muss ein Buch anfangen“, kommentierte er ihre Frage, wie er den Anfang des Buches beurteile. Überhaupt gaben der 68-Jährigen die sehr viel jüngeren Mitstudierenden den nötigen „Kick“, der ihre Entschlossenheit auslöste. „Ich habe das Schreiben gelernt, wie Kinder das Gehen lernen“, sagte sie im „Literaturclub“. Schon mit fünf Jahren hat sie einem Tetraplegiker die Buchseiten umgeblättert. Dieser wiederum brachte ihr früh das Schreiben bei. Einige Jahre später verfasste sie bereits Kinderbücher und Lyrikbände. Von da an schrieb sie weiter bis heute, bis zu ihrem Erstlingsroman, der Abschlussarbeit im Rahmen des Schreib-Lehrgangs, den sie an der SAL absolvierte.

Keine Macht zu helfen

Gefühlvoll umschreibt die Schriftstellerin die Geschichte einer jungen Schweizer Familie. Eine Krankenschwester, Anna, reist auf abenteuerlichen Wegen mit ihrem Mann und den beiden Kindern in den 70er Jahren nach Paraguay. In einem Busch-Hospital versuchen sie den Ureinwohnern, den Enlhet-Indianern, zu helfen. Es fehlt an allem und angesichts der äusserst beschränkten Mittel und der Tatsache, wie wenig sie ausrichten können, wandelt sich der Idealismus des jungen Paares bald in pure Verzweiflung. Sie lernen, die selbstverständliche, autonome Lebensweise der Ureinwohner zu respektieren, und begreifen, dass es nicht in ihrer Macht steht, diesen Menschen „Hilfe“ zu bringen.

Zwischennuancen

Der Roman trägt autobiografische Züge aus der Zeit, als Erika Dreier selbst Erfahrungen in der Entwicklungshilfe machte. Menschen, denen zu wenig geholfen werden konnte, darunter viele Kinder, begleitete sie in den Tod. Lange hat sie diese Bilder vor sich hergeschoben, nun hat sie sie in ihrem Roman verarbeitet. Trotz der aussichtslosen Lage hat die Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. „Sie ist zwar traurig, aber nicht erdrückend und `hellhörig` hat eine Zwischennuance“, sagte Dreier in einem Interview. Sie hat es nicht gern, wenn ihr beim Lesen alles erklärt wird. Hellhörig sind die Geister, sie hören gut, aber eben noch viel besser.

Für künftige Projekte mangelt es Erika nicht an Ideen. Sie habe so viele Schubladen zum Wühlen, dass sie gar nicht recht wisse, was zuerst drankommen solle. Das nächste Buch ist jedenfalls schon fertig.

Erika Dreier, geboren 1945 in Utzenstorf BE, wuchs in Zürich auf und lebt heute in Altendorf SZ. Arbeit als diplomierte Krankenschwester in Schwyz. 2009 bis 2011 absolvierte sie den Studiengang „Literarisches Schreiben“ an der SAL in Zürich. Sie betreibt das Kunstatelier art99 und ist Mitarbeiterin von räume99. Veröffentlichungen: «Dir», «Der Clown, der sein Lachen verlor», «Trödelgeschichten». Debütroman: „Die Geister sind hellhörig“ (Oktober 2012).