Immer schlimmer - Wie Jugendliche schreiben

Von Peter Sieber

«Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.»

Die Sprachfähigkeiten der Jugendlichen sind nicht erst heute in Diskussion. Immer wieder klagte und klagt die ältere Generation über den Zustand der jüngeren. Uralt schon ist dieses Reden vom Sprachzerfall, und hätte es zu jeder Zeit zugetroffen,fehlten uns heute fast gänzlich die Worte, und unsere kommunikative Ausdrucksfähigkeit wäre wohl nur noch auf ein Stammeln, ein Grunzen oder Pfeifen reduziert. Die älteste mir bekannte Klage über die Jugend ist zu finden auf einer ca. 3000 Jahre alten babylonischen Tontafel. – Das Eingangszitat ist die Übersetzung jenes Textes.

Wie kommt es zu diesem Deutungsmuster? Zum einen spielt die Klage der Älteren über die Jüngeren eine zentrale Rolle. Noch in jeder Generation war man davon überzeugt, dass die Nachkommenden von minderer Qualität seien als man selbst. Sehr schön hat dies Robert Weiss auf den Punkt gebracht: «Der frühere österreichische Unterrichtsminister Heinrich Drimmel nannte die Klage über verminderte Leistungen der jeweiligen Jugend ‘das Geleit der Pädagogik seit Olims Zeiten’. Die Erwachsenen seien zu jeder Zeit der Ansicht gewesen, ‘dass sie selbst eine Schule besucht haben, die von hervorragender Qualität war,in der die Ansprüche sehr gross waren, die von ungemein ernsten, strengen und gewissenhaften Lehrern geleitet worden ist, sodass sie eine Ausbildung genossen hätten,die weit über dem steht, was die Schule heute zusammenbringt’.»

Daneben ist aber auch eine Tatsache herauszustellen: Das sprachliche Können muss ja nicht notwendigerweise schlechter geworden sein. Es kann sich vielmehr herausstellen, dass die sprachlichen Anforderungen in einem Masse gestiegen sind, dessen wir uns erst allmählich bewusst werden.Was früher nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung geleistet werden musste, ist heute Anforderung an viele. Deshalb kommt dem Auf- und Ausbau der Sprachfähigkeiten eine so zentrale Rolle zu.

Wie stark sich die Anforderungen gewandelt haben, möchte ich im Folgenden an einer historisch gut dokumentierten Art von Texten – an Maturaufsätzen – illustrieren.

Was sich verändert hat – ein Blick auf Maturaufsätze über ein Jahrhundert hinweg

Versetzen Sie sich in die Situation, einen Maturaufsatz schreiben zu müssen. Vor gut hundert Jahren war es im Kanton Zürich von 100 Jugendlichen lediglich ein einziger Mann, der sich dieser Herausforderung zu stellen hatte.Er konnte – als Beispiel – aus der folgenden Liste ein Thema auswählen (die Zahlen in Klammern zeigen,welche Themen die insgesamt sechs [!] Maturanden gewählt haben):

  1. Götz von Berlichingen – sein Recht und seine Schuld (1x)
  2. Die Lyrik des Mittelalters (–)
  3. Schillers «Räuber» (1x)
  4. Woher kam es, dass nach den Perserkriegen die Hegemonia von Sparta auf Athen überging? (–)
  5. Der Mensch im Kampf mit der Natur (3x) 
  6. Wissen ist besser als Reichtum (1x)

Die Themenauswahl in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts umfasste meist:

  • das Nibelungenlied (als zentrales und am häufigsten gestelltes und gewähltes Thema)
  • die Charakterisierung eines Klassikers (neben Goethe, Schiller und Lessing auch Shakespeare)
  • ein Thema aus dem Bereich «der Mensch und die Natur»
  • ein Lebensmotto, dessen Beschreibung deutlich die vermittelten Werte zeigt
  • ein Thema aus der Geschichte, vor allem des Altertums (Griechenland, Rom)

Die Bedingungen für das Schreiben des Maturaufsatzes haben sich erstaunlicherweise in der Deutschschweiz seit Ende des 19. Jahrhunderts kaum geändert. Sie lauten nach wie vor an den meisten Mittelschulen: vier Stunden Schreibzeit und eine Auswahl von 4 bis 6 Themen.

Aktuell erfüllen diese Aufgabe von 100 Jugendlichen eines Jahrgangs rund zehn Frauen und acht Männer. Sie konnten im Jahr 2004 zum Beispiel aus der folgenden Liste von Themen auswählen:

  1.  Noch nie war Kommunikation so einfach (7 x)
  2. Heimat (3 x)
  3. Der flexible Mensch (1 x)
  4. Body Extensions.Wie wir den Körper erweitern (4 x)
  5. Etwas vom Schwersten: Die Zahl Zwei zu denken (Ludwig Hohl: Notizen) (–)
  6. Im Regen stehen (freies Thema) (1 x)

Hier erübrigt sich die Frage danach,was im Deutschunterricht behandelt worden ist – zumindest lässt sich das aufgrund der Aufsatzthemen in keiner Weise rekonstruieren.

Wenn man länger in diesen Texten liest und den Auffälligkeiten und Veränderungen genauer nachspürt – was ich im Rahmen eines Forschungsprojektes tun konnte –, so werden Konturen feststellbar, die allerdings immer auf dem Hintergrund einer sehr grossen Varianz gesehen werden müssen:

  1. In den Themenstellungen lässt sich über den gesamten Zeitraum ein allmähliches Verschwinden der schulischen Inhalte feststellen. Aber nicht nur die Themen ändern, auch Auswahl und Behandlung von Inhalten in den Texten. Über lange Zeit standen die Darstellung und die Auseinandersetzung mit (schulisch vermittelten) Wissensbeständen im Mittelpunkt. Geradezu ausgeschlossen war ein Bezug zur subjektiven Welt der Schreibenden.Erst in neueren Texten finden wir häufiger die Thematisierung von (eigenen oder fremden) Erfahrungen, die weniger im Hinblick auf Wahrheit als auf Wahrhaftigkeit und Echtheit hin gelesen und beurteilt werden können und sollen.
  2. In den älteren Texten – gehäuft im 19. Jahrhundert – zeigt sich eine grosse Emphase,die sprachlich unter anderem mit rhetorischen Fragen, mit Ausrufen, mit Versen und Zitaten realisiert wird.Mit dieser starken Emphase korrespondiert in gewisser Weise das weitgehende Fehlen eines personalen Ichs in den Texten. Ab den 60er-Jahren werden die Versuche zahlreicher, eigene Sichtweisen darzustellen und auf eigene Erfahrungen zu referieren.In den jüngeren Jahrgängen nimmt diese Tendenz stark zu.

    Das hängt mit etwas Weiterem zusammen:

  3. In den älteren Texten ist eine emphatische und affirmative Art der Wertedarstellung zu beobachten, die in neueren Texten gänzlich verschwunden ist.Sie hat Platz gemacht für die Darstellung eigener Meinungen und Erfahrungen, für das Erzählen von Geschichten und für eine an Gesprächen orientierte Art der Reflexion.

  4. Schliesslich zeichnen sich die neueren Texte auch zunehmend durch die Verwendung von expliziten metakommunikativen Mitteln aus,was nicht zuletzt mit der grossen Offenheit – der Themenstellungen ebenso wie der Textgestaltung – zusammenhängen dürfte.

  5. In sämtlichen Jahrgängen ist eine grosse Bandbreite im Bereich der formalen Korrektheit der Texte festzustellen.Keinesfalls zeichnen sich die älteren Arbeiten durch eine strikte Einhaltung formaler Normen aus, wie dies in der öffentlichen Meinung als Selbstverständlichkeit angenommen wird. Das gilt sogar für die Handschrift,die auch früher oft bemängelt worden ist.

    Die festgestellten Veränderungen deuten auf einen Sprachwandel hin,der sich über einen längeren Zeitraum entwickelt hat.

Was in einer Analyse von Schülerarbeiten Anfang der Neunzigerjahre als Hypothese formuliert worden ist, konnte mit Blick auf eine Sammlung von Schülertexten aus mehr als einem Jahrhundert bestätigt und vertieft werden: 

Wir glauben «im schulischen Schreiben etwas beobachten zu können, das in der gesamten Sprachentwicklung unseres Jahrhunderts eine wichtige Tendenz darstellt: eine Angleichung von geschriebener und gesprochener Sprache, wobei die Tendenz deutlich in Richtung der gesprochenen Sprache läuft.

Wir charakterisieren solche Tendenzen mit dem Terminus Parlando. Diese Benennung entlehnen wir der Musiktheorie,wo sie eine vor allem in der Opera buffa des 18. und 19. Jahrhunderts gängige Art der musikalischen Vertonung und Vortragsweise bezeichnet, die das (natürliche,rasche) Sprechen nachzuahmen versuchte.

In der Übertragung auf geschriebene Texte bezeichnen wir mit Parlando eine bestimmte Art textueller Oberfläche, die sich sowohl in der Wortwahl und in der Syntax wie auch in der Textstruktur stark an einer fiktiven Redesituation zu orientieren scheint. Am ehesten lassen sich solche Parlando- Texte – sind sie gelungen – mit Radiomanuskripten vergleichen,die monologisch und sprechsprachlich sind. Solche Texte – orientiert weniger am Ideal einer Wohlgeformtheit als an jenem der guten Verdaulichkeit – wirken auf Anhieb leicht verständlich, sie bieten (zunächst) wenig Widerstand und sind flüssig zu lesen».

Die Analysen von Maturarbeiten über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert machen ein Faktum überdeutlich: Viele Auffälligkeiten von Parlando tauchen erst in neuerer Zeit auf. Parlando ist eine Art der Textgestaltung, die sich im schulischen Rahmen erst allmählich herausgebildet hat. Parlando- Texte wollen zu etwas Eigenem in eigener Form Aussagen machen oder Stellung nehmen und diese Aussagen im Hinblick auf einen lesenden Adressaten möglichst verständlich und einfach formulieren. Dabei scheint die Darstellung eigener Gedanken und Erfahrungen wichtiger zu sein als die Erfüllung oder Einhaltung einer bestimmten schriftsprachlichen Norm.

 Zusammengefasst: Parlando-Texte scheinen geradezu aus einer kommunikativen Grundhaltung der Mündlichkeit heraus verfasst zu sein. Das lässt sich illustrieren mit der folgenden – fiktiven – Schreibanleitung, in der Aspekte der kommunikativen Grundhaltung der Mündlichkeit umgesetzt sind in Schreibanweisungen:

Fiktive Schreibanweisung für Parlando-Texte

  • Nimm das einzelne Wort, den einzelnen Satz nicht allzu wichtig. Schreib weiter. 
  •  Formuliere so, dass sich dir die Leserin/der Leser möglichst nahe fühlt.
  • Schreibe verständlich und baue auf das Alltagsverständnis deines Lesers.
  • Gehe davon aus, dass der Leser/die Leserin das,was du schreibst, auch so versteht wie du.
  • Baue auf einen verständnisvollen, einfühlsamen Leser.
  • Rechne mit dem gesunden Menschenverstand der Leserin/des Lesers, vermeide unnötige Differenzierungen.
  • Nimm den Inhalt wichtiger als die Form.
  • Schreibe aus eigener Erfahrung.
  • Schreibe authentisch.

Die hohe Wertschätzung der Authentizität öffnet das schulische Schreiben in Richtung von Selbstthematisierung und Selbstreflexion, Dimensionen, die bis anhin fast ausschliesslich dem privaten – oder dem literarischen – Schreiben vorbehalten waren. Daraus resultieren hohe Anforderungen an die Vertextungsfähigkeit der Schreibenden. Was im Gesprochenen schon nicht einfach ist, wird im Geschriebenen zu einer noch schwerer lösbaren Aufgabe: eigene, oftmals unstrukturierte Erfahrungen und Vorstellungen in einen für Leser verständlichen Text umzuformen. Dass dabei den jugendlichen Schreibern teilweise schnelle Herstellung und gute Verdaulichkeit des Geschriebenen wichtiger zu sein scheinen als eine ausgefeilte sprachliche Fassung von eigenen Eindrücken und Gedanken, muss von den Lehrkräften als Aufforderung zu einer verstärkten Arbeit am Aufbau eines Sprachbewusstseins verstanden werden, das um die Hindernisse und Schwierigkeiten der Schriftlichkeit weiss. Darin erhält die Schule von ausserhalb kaum Unterstützung, im Gegenteil: Sprachliche Reflexion scheint gesellschaftlich gegenwärtig wenig gefragt zu sein.Hier muss die Schule ihre Aufgabe der Schreibförderung neu überdenken.

Hinwendung zur Mündlichkeit – die aktive Suche nach neuen Ausdrucksformen

Texte heutiger junger Menschen zeigen nicht selten Spuren aktiver Suche nach eigenem Stil und authentischer Haltung gegenüber der Sprache und ihren Normen. Ohne dass sie speziell gelehrt worden wären, haben sich neue Textmuster zu etablieren begonnen, die sich vermehrt an einer kommunikativen Grundhaltung der Mündlichkeit orientieren.

Dies wird durch die aktuelle Schreibpraxis der Jugendlichen in hohem Masse unterstützt: Heutige Jugendliche schreiben ja nicht nur Aufsätze – sie formulieren sich in den Foren, die die neuen Medien zuhauf anbieten: SMS,Mail, Chat u. Ä. In diesen Foren ist Direktheit und (zumindest vermeintliche) Authentizität – oder zumindest Originalität – in einer Weise gefragt, welche die Anforderungen an herkömmliche geschriebene Texte bei weitem übertrifft.

Was sich also in einer Entwicklung der klassischen Textart Maturaufsatz über das letzte Jahrhundert zeigt – eine Veränderung hin zu stärker Mündlichkeits- orientierten Formen – findet ein weites neues Betätigungsfeld im schriftbasierten Umgang mit den neuen Medien.Dadurch erhält die Hinwendung zur Mündlichkeit eine Beschleunigung und Verstärkung, deren Konsequenzen noch kaum absehbar sind.

Wie schreiben Jugendliche heute? Ganz unterschiedlich, manchmal unverständlich, manchmal unverfroren – oft mit einem spielerischen und sorglosen Umgang mit Normen und Ansprüchen der geschriebenen Sprache; und dies alles mit einer starken Orientierung an der Mündlichkeit. An uns Erwachsenen ist es,das Neue mit offenen Augen zur Kenntnis zu nehmen, die Qualitäten in den verschiedenen Schreibarten wahrzunehmen und zu fördern. Dazu ist uns der Optimismus zu wünschen, wie ihn Jacob Grimm, der grosse Märchensammler und Sprachwissenschafter des 19. Jahrhunderts, einmal so formuliert hat: «es ergibt sich, dasz die menschliche sprache nur scheinbar und von einzelnem aus betrachtet im rückschritt, vom ganzen her immer im fortschritt und zuwachs ihrer inneren kraft begriffen angesehen werden müsse. »

Zum Autor

Professor Peter Sieber ist Prorektor Forschung und Innovation der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH).Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind: Deutschdidaktik, Schreib- und Leseforschung sowie Probleme der Deutschschweizer Sprachsituation.

Literaturhinweis:

Bertschi-Kaufmann,Andrea / Kassis,Wassilis / Sieber,Peter (Hrsg.) (2004): Mediennutzung und Schriftlernen: Analysen und Ergebnisse zur literalen und medialen Sozialisation. Unter Mitarbeit von Thomas Bachmann, Hansjakob Schneider und Christine Tresch (= Lesesozialisation und Medien).Weinheim und München: Juventa.

Zitiert nach Watzlawick, Paul / Weakland, John H. / Fisch, Richard (1974):Lösungen.Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern/Stuttgart/Wien: Huber. S. 53.
Weiss,Robert (1990):«Sie können nicht mal telefonieren!» (über den «Leistungsrückgang» an unseren Schulen). In: Forum Pädagogik (1990) Heft 1. S. 35.
Die Ergebnisse sind greifbar in: Sieber, Peter (1998): Parlando in Texten.Zur Veränderung kommunikativer Grundmuster in der Schriftlichkeit (= Reihe Germanistische Linguistik, S. 191).Tübingen: Niemeyer.
Sieber,Peter (Hrsg.) (1994):Sprachfähigkeiten – Besser als ihr Ruf und nötiger denn je! Ergebnisse und Folgerungen aus einem Forschungsprojekt (= Reihe Sprachlandschaft; 12). Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg: Sauerländer.
Grimm,Jacob (1991 [1864,21879]):Über den Ursprung der Sprache (1851). In: Ders.: Kleinere Schriften 1 (2. Auflage 1879). Reden und Abhandlungen.Mit einem Vorwort von O. Ehrismann. (= Jacob und Wilhelm Grimm:Werke: Forschungsausgabe, hrsg. von L. E. Schmitt,Abteilung I, Band 1,neu hrsg.von O. Ehrismann),S.256–299.Hildesheim etc., S. 291.