Werkschau | Arbeiten unserer Studierenden

Früher, als ausgebildete Journalisten noch die Ausnahme waren

von Michael Wanger

Als der Bündner Pieder Caminada 1984 sein Studium an der SAL abschloss, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, dass er rund zehn Jahre später massgeblich beim Aufbau einer SAL-Filiale in Chur beteiligt sein würde. Bis heute ist er der Leiter des Studiengangs geblieben, womit er auf bewegte und herausfordernde Jahre zurückblicken kann.
«Gut», sagt Pieder Caminada zufrieden, als er einen Blick auf seine Uhr wirft. «Ich denke, wir haben genügend Zeit.» Er stellt seinen Kaffee vor sich hin, lehnt sich zurück und lässt den Blick kurz über das Grossraumbüro des Bündner Medienunternehmens Somedia schweifen, für das er inzwischen schon seit 35 Jahren arbeitet. Damals aber hätte sich Caminada wohl nicht gedacht, so lange auf diesem Beruf zu bleiben, denn auf den Journalismus stiess er eigentlich eher zufällig. Vier Jahre Klosterschule Disentis, eine kaufmännische Lehre mit vier Jahren Berufserfahrung in Zürich und anschliessend ab nach Málaga, um Spanisch zu lernen. Dort entschied sich Caminada, Übersetzer zu werden. So stiess er dann zum ersten Mal auf die Schule für Angewandte Linguistik, kurz SAL, in Zürich. Doch schon nach wenigen Monaten sei ihm bewusst geworden, dass er doch lieber auf Journalismus umsteigen wolle: «Schon früher hatte ich mich kurz einmal für den Journalismus interessiert. Ich fand den Beruf spannend. Und so habe ich mit dem Studium begonnen, ohne zu wissen, ob ich dann später auch wirklich als Journalist arbeiten würde.» Das war 1981.

Schreiben als bewusster Akt

Die drei Jahre an der SAL brachten Caminada Erfahrungen, von denen er noch heute profitiert. «Ich habe immer schon gerne und eigentlich auch passabel geschrieben», meint Caminada lächelnd. «Während meines Studiums an der SAL habe ich dann gelernt, dass Schreiben eigentlich ein ganz bewusster Akt sein muss. Jeder Journalist muss wissen, wie er mithilfe von Sprache das Publikum erreicht und in ihm das auslöst, was er sich erwünscht.» Auch von einem Intensiv-Grundkurs für Grammatik an der SAL habe er sehr profitiert. Innerhalb von nur fünf Wochen hätten die damaligen Studenten die gesamte Wort- und Satzlehre erlernt. Die Schemata und Verknüpfungen, die Caminada damals in seinem Kopf erstellte, ruft er noch heute immer wieder ab.
Doch nichts ist bekanntlich perfekt und so hatte auch die SAL ihre Nachteile: «Sie war eine hervorragende Schule für diejenigen, die genau wussten, was sie später werden wollten, aber nicht für diejenigen, die noch keine konkreten Zukunftspläne hatten.» Caminada wusste, was er wollte, und zweifelte deshalb auch nicht an seinem Entscheid: «Ich schaue grundsätzlich niemals zurück, nur nach vorne. Wenn ich mich, wie damals, für etwas entschieden habe, dann ist das für mich auch richtig so. Und es ist es in diesem Fall auch noch heute», betont Caminada und nickt entschlossen. «Stünde ich heute nochmals im Jahr 1981, würde ich alles genau gleich machen.»
Während seines Studiums in Zürich lernte Caminada auch den Gründer der Schule, Paul Bänziger, kennen und schätzen. Er sei eine unglaublich intelligente Person gewesen, habe allerdings sehr viel von seinen Studenten gefordert. Caminada erinnert sich: «Die Studenten an der SAL liessen sich in zwei Lager teilen. Die einen fanden ihn genial, die anderen taten sich mit ihm schwer.» Aber auch wenn Bänziger einem geistig weit überlegen war, habe er einem nie das Gefühl gegeben, weniger wert zu sein oder unter ihm zu stehen. Alle Unterhaltungen mit ihm fanden demnach «auf Augenhöhe» statt.

Die SAL kommt nach Chur

Bänziger war es auch, der Pieder Caminada den Wunsch anvertraute, in Chur eine SAL-Filiale zu gründen. Caminada hatte in der Zeit nach seinem Studium an der SAL nämlich hin und wieder Kontakt zu Bänziger gehabt. 1994 sei aus diesem erst losen Kontakt dann nach und nach eine Freundschaft geworden. Besonders nachdem Bänziger seinen ehemaligen Studenten auf seine Alpe Samada im bündnerischen Avers eingeladen hatte. «Die SAL in Zürich platzte damals aus allen Nähten und da Paul ohnehin schon viel für Graubünden und seine Menschen übrig hatte, kam er mit diesem Anliegen wohl gerade auf mich zu», erklärt Caminada. Graubünden eignete sich aber auch insofern als Standort der Zweigstelle, als es der einzige dreisprachige Kanton der Schweiz ist. «Ich habe Paul dann mit einigen Bündner Persönlichkeiten bekannt gemacht. Danach haben wir einfach einmal angefangen und Probekurse angeboten. Eine Marktstudie im Voraus hätten wir uns nämlich nicht leisten können», erinnert sich Caminada, der von Paul Bänziger auch dazu gedrängt wurde, selbst in Chur zu unterrichten. Weil der Bündner Journalist zuvor noch nie an einer Schule unterrichtet hatte, belegte er an der SAL erst Kurse in Didaktik und Methodik, ehe er 1995 nebenberuflich in die neu gegründete Filiale einstieg.
Caminada liess sich auch zu diesem Schritt motivieren, weil es damals in Graubünden keine Ausbildungsmöglichkeiten für angehende Journalisten gab. «Als ich vor 35 Jahren hier angefangen habe, gab es im ganzen Haus nur zwei schulisch ausgebildete Journalisten. Einer davon war ich», erklärt Caminada. Ein wichtiger Meilenstein für eine effektive Ausbildung sei die Einführung der sogenannten «Samstagsseminare» gewesen. «Ich habe einmal einen fünftägigen Kurs am MAZ in Luzern besucht», erinnert sich Caminada und nimmt einen Schluck Kaffee: «Spätestens am Mittwochabend ist es aus mit der Konzentration.» Deshalb sollten an der SAL in Chur zwischen den Kurseinheiten Pausen von einer oder zwei Wochen liegen, sodass die Studenten das Gelernte reflektieren und «sacken lassen» können. Das ist auch heute noch der Fall, wie Caminada anhand eines aktuellen Beispiels erklärt: «Ich habe erst gerade vor wenigen Tagen den Teilnehmern meines Kurses ‚Einführung in den Printjournalismus‘ eine richtig dicke Medienmappe mitgegeben, aus der sie als Hausaufgabe eine Nachricht verfassen müssen. Da beissen sie sich bestimmt die Zähne aus.» Die Resultate wird Caminada dann gemeinsam mit seinen Studenten analysieren. Die Zeitspanne zwischen den Kursen soll also dazu beitragen, dass sich die Studenten mit den Texten auseinandersetzen und sich dadurch eben bewusst werden, dass Schreiben ein bewusster Akt werden muss.

Mit Überzeugung gegen Herausforderungen

In den ersten Jahren nach der Gründung der SAL Chur fühlte sich Caminada zunehmend von der zusätzlichen Arbeit umklammert. «Ich fragte mich, was aus der Zweigstelle werden würde, falls Paul Bänziger plötzlich eines Tages nicht mehr weitermachen wollte. Immerhin war er damals ja schon über 70 Jahre alt», erzählt Caminada. Diese Frage stellte er dann Bänziger persönlich. Dieser schien sie zunächst nicht zu verstehen und hakte nach. Als Caminada dann damit argumentierte, dass Menschen über 70 normalerweise schon lang pensioniert seien, sei Bänziger richtig wütend geworden. Laut Caminada war es das einzige Mal, dass er ihn jemals wütend sah. «Habe ich jemals etwas Kurzfristiges gemacht?», fragte Bänziger entrüstet zurück. Caminada schmunzelt und sagt: «Da wusste ich definitiv, dass der Mann anders tickt.» Immerhin habe Bänziger das Projekt in Chur trotz Widerstand des SAL-Stiftungsrates in Zürich durchgezogen.
Die SAL Chur gibt es in ihrer ursprünglichen Form inzwischen schon lange nicht mehr. Seit 2001 arbeitet diese nämlich mit der Fachhochschule Graubünden FHGR (bis vor kurzem noch HTW Chur) zusammen und ist unter dem Namen IMK-Lehrgang Medien bekannt, wobei IMK für den ursprünglichen Namen «Institut für Medien und Kommunikation» steht. Grund für die Zusammenarbeit war, dass die Räumlichkeiten in der HTW Chur samstags grösstenteils leer standen und die SAL sich jeweils an mehr oder weniger geeigneten Orten einmieten musste. Seither liefert die FHGR die «Hardware», das IMK die «Software», sprich die Ausbildungskonzepte mit all ihren Inhalten, wie es Caminada formuliert. Die FHGR lasse dem IMK inzwischen relativ freie Hand - auch finanziell. Das nötige «Know-how» für die sprachlichen Aspekte der Ausbildung liefert heute Peter Rütsche, Abteilungsleiter der SAL Zürich. Caminada lässt dafür sein praktisches Wissen in die Ausbildung einfliessen. «Und so hat sich die Ausbildung in den letzten Jahren immer wieder gewandelt, weil sich auch die Anforderungen der Praxis ändern», sagt Caminada. Alle vier, fünf Jahre einmal sucht er mit Rütsche das Gespräch und erörtert mit ihm, ob der IMK-Lehrgang noch auf dem neusten Stand ist. «Peter weiss wirklich viel und kann immer weiterhelfen. Ohne ihn würde ich das heute nicht mehr machen wollen. Das, was Paul Bänziger früher war, ist Peter Rütsche heute», meint Caminada zufrieden, blickt kurz in seinen inzwischen längst leeren Kaffeebecher und stellt diesen zur Seite. Das Gespräch hat lange gedauert. Aber die Zeit hat gereicht – auch wenn es bestimmt noch viel mehr zu erzählen gegeben hätte.

Pieder Caminada ist am 21. September 1956 geboren, wuchs in Ilanz im Bündner Oberland auf und lebt heute ganz in der Nähe in Castrisch. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Redaktor und Ausbildungsleiter bei der ‚Südostschweiz‘ sowie als Studienleiter des IMK-Lehrgangs Medien an der Fachhochschule Graubünden widmet sich Caminada während seiner Freizeit gerne der Literatur, der Musik – überwiegend Blues – und dem Film. Auch die Natur hat es ihm angetan: In den warmen Monaten verbringt er viel Zeit auf dem Mountainbike, während er in den verschneiten Monaten des Öfteren einmal auf einer Langlaufloipe anzutreffen ist.

Michael Wanger studiert an der SAL Print-/ Online-Journalismus.